Die Begriffe von Chaos und Kosmos haben den griechischen Ursprung, sprachlich und philosophisch gesehen, und sie erscheinen bereits in den Orphischen religiösen Systemen und Theogonien, bevor die griechische Philosophie überhaupt begann. Die Philosophie entwickelte sich aus den religiösen Denksystemen, nämlich mit den vor-Sokratischen Philosophen der Milesischen Schule, Thales, Anaximander und Anaximenes, und dann mit Pythagoras von Kroton.
In der Kultur der griechischen Antike gab es ein sehr interessantes Phänomen, nämlich eine Religion, die gar nicht sehr religiös war. Das war die politheistische Religion der Verehrung der Olympischen Götter, deren Erscheinung dem Menschen aber recht sehr ähnlich war, in dem sie alle menschlichen Eigenschaften und Charakterzüge besassen, jedoch viele von denen in einer sehr stark geprägten Form, bis hin zum Übermenschlichen, und sie waren von den sterblichen Menschen i.w. nur darin verschieden, dass sie eben unsterblich waren und "nie gelogen haben, ausser im Kriege und in der Liebe". Der allerhöchste Gott aller olympischen Götter war Zeus. Das war eigentlich keine richtige Religion in dem gegenwärtigen Sinne. Sie war vielmehr nur Poesie, und in der Tat eine der Hauptquellen der Geschichten in den Werken von Homer. Die Olympischen Götter schuffen nicht die Welt, den Kosmos, sondern lediglich lebten im Kosmos, unsterblich. Er, Homer, - falls er wirklich nur eine Person war, und nicht eine Reihe von Autoren - lebte zwischen 750 bis 550 v.Chr. Die Religion in Homer ist demnach nicht sehr religiös.
Es gab damals aber schon eine andere Bewegung, die man vielmehr als Religion im heutigen Sinne bezeichnen könnte, nämlich den Kult von Dyonisus, auch Gott des Weins, der viele Namen hatte/hat (Bacchus, Zagreus, Bromius). In dem dyonisischen Kult entwickelte sich ein profunder Mystizismus. Die Rituale durch Weingenuss, der Rausch, und wilde Emotionen waren ein wichtiges Element.
Daraus entwickelte sich später, durch den Orpheus, die Orphische religiöse Bewegung, eine Reformation des Dyonisischen Kults, die weniger wild war, und hat einige neue geistige Elemente eingeführt, und ersetzte die wilden Trinkrituale durch die Aktivitäten des Geistes, z.B. durch einen gewissen seelischen und geistigen Rausch. Sie hat schon damals, bevor die Philosophie überhaupt begann, die richtigen Fragen gestellt.
Das war der Ansatz der Philosophie, die mit Thales begonnen hat. Pythagoras (570-490 v.Chr.) war der erste grosse Philosoph, der das philosophische und wissenschfatliche Denken revolutionierte. Er war auf Samos geboren, etwa in 570 v.Chr., und erlebte sein Maximum etwa in 537 v.Chr. In seiner Zeit war Samos eine Diktatur unter Polycrates, und er sah sich gezwungen zu fliehen, und zwar nach Kroton, eine griechische Koloniestadt in Süditalien, wo er die meiste Zeit verweilte und wirkte, und seine Schule gegründet hat. Dort schuf und lehrte er beides, seine Religion und Philosophie. Das Fundament seiner Religion war der Glaube an die Wanderung (Transmigration) der Seelen.
Später, nach einer Revolte in Kroton, ging er nach Metapontium, auch in Süditalien, wo er 490 v.Chr. starb.
Pythagoras ist sehr wichtig, weil er aus der Orphischen Religion die Philosophie entwickelte, und zwar durch die Zugabe der intellektuellen rationalen Elemente. Seine Philosophie war andererseits auch der Anfang der Wissenschaft. Vieles was später in der Antike geschaffen wurde, insbesondere Platon und Aristoteles, und alle ihren Nachfolger, war im wesentlichen aus der pythagoreischen Wurzeln gewachsen.
Es war Pythagoras, der Denker, der einige wichtige Begriffe aus dem Orphismus übernahm und in einer neuen rationaler Form wieder eingeführt hat. Zum Beispiel, die Bedeutung des Wortes Theorie stammt von ihm: eine leidenschaftliche Kontemplation, geistige Vertiefung. In diesem Zustand, so Cornford, "ist der Beobachter indentifiziert mit dem leidenden Gott, stirbt mit ihm, und ist neugeboren in seiner neuen Geburt". In wie weit die heutigen Theorien noch immer so starke donnernde Emotionen mit sich tragen kann der Leser selber beurteilen.
Ähnlich der Begriff Enthusiasmus, dessen ursprüngliche Bedeutung vom dyonisischen Ritual stammt, und bedeutet, dass "der Verehrende den Gott in sich hinein einlässt, und glaubt, er vereinigt sich mit ihm". Ob unser wissenschaftlicher Enthusiasmus noch ein bischen von diesem alten Feuer hat, oder schon auf ganz kleiner Flame lebt, kann der Leser selber beurteilen.
Bertrand Russell, der dem Pythagoras einen der wichtigsten Plätze in der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit einräumt, meint, dass all die grössten Errungenschaften und Schöpfungen der Menschheit ein Element des geistigen bzw. seelischen Rausches benötigen, nach starken schöpferischen Emotionenen verlangen, ja sogar eine gewisse Zerstörung der rationalen Vorsicht durch eine schöpferische Leidenschaft. Ohne Bacchischen Elemente wäre das Leben langweilig, mit denen alleine ist es gefährlich. Vorsicht versus Leidenschaft, das Appolinische versus das Dyonisische, ist der fundamentale Gegensatz, der durch die gesamte Weltgeschichte und Kulturgeschichte der Menschheit sich ausdehnt.
Pythagoras hatte von sich selbst, wahrscheinlich zu Recht, eine sehr hohe Meinung gehabt, denn er schrieb: "Es gibt Menschen, es gibt (die Olympischen) Götter, und die Wesen wie Pythagoras."
Chaos bezeichnete den Stand der Dinge vor der Entstehung der Welt. Kosmos war für die späteren Naturphilosophen wie Pythagoras bis Archimedes eine Bezeichnung der Weltordnung die sich in der Gesamtheit der Naturerscheinungen wiederspiegelt. Also Chaos-Kosmos ist der antike Vorläufer der Dualität von Chaos-Ordnung. Das war auch ein wichtiges Thema an der Akademie, die von Platon (429-348 v.Chr.) etwa in 400 v.Chr. gegründet worden war, und kontinuierlich bis 529 A.D. tätig war, als sie von Kaiser Justinian wegen religiösen Untreue geschlossen worden war.
Das moderne Wort Chaos in Physik und in anderen Naturwissenschaften sowie in der Mathematik, reinen und angewandten, bedeutet im wesentlichen grosse Komplexität, etwas, was nur schwierig oder gar nicht im Detail verstanden und beschrieben werden kann. Etwas, was man keineswegs mit einer Formel mathematisch leicht beschreiben kann. Etwas, das unvorhersagbar ist. Zum Beispiel eine Zahlenfolge, die so kompliziert ist, dass man sie nicht mit einer Formel oder gar mit einem Computerprogramm berechnen kann. In solchem Fall wäre die Länge des Algorithmuses und des Computerprogramms genau so lang wie die Zahl selber. Also, eine solche reelle Zahl wäre unvorhersagbar, ihre Information nicht kompressibel. Das ist das Charakteristikum des Chaos:
Chaos beinhaltet Phänomene, die man nicht kompakt beschreiben kann, also die Prozesse und die Strukturen, die nicht vorhersagbar sind, weil der kürzeste Algorithmus und das kürzeste Computerprogramm zur deren Berechnung genau so lang und kompliziert ist wie der Prozess, oder die Struktur, selbst.
Aber gibt es solche chaotische Prozesse, Strukturen, Zahlen, z.B. reelle Zahlen? Ja, sogar sehr viele, noch schlimmer, ganz erschreckend, fast alle reelle Zahlen sind von der Art, also unvorhersagbar! Und die meisten Prozesse und Strukturen im Universum sind chaotisch. Sie sind durch die empfindliche Abhängigkeit von den Anfangsbedingungen und von den Randbedingungen, oder von anderen Parametern, charakterisiert. Nichtsdestoweniger, Ordnung existiert, und unser eigenes Leben auf dem Planeten Erde, die Zivilisation und Technologie beweisen, dass unter gewissen Bedingungen die Ordnung sich spontan aus dem Chaos entwickeln kann. Das ist nach wie vor das grösste Mysterium des Kosmos.