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Gedanken zum Ersten und Zweiten Grad

 

Freimaurerei ist Handeln im Hier und Jetzt - daher etwas unerhört Praktisches. Nun, in Anlehnung an Weisheit, Stärke, Schönheit - dies:

Zu Sokrates kam einer gelaufen und war voller Aufregung.

“Höre Sokrates, ich muß Dir erzählen, .."

Sokrates unterbrach ihn: “Halt ein! Hast Du das, was Du mir zu sagen hast, auch durch drei Siebe geworfen?"

“Drei Siebe" fragte erstaunt der Andere.

“Ja, guter Freund, drei Siebe. Gib acht!

Das erste Sieb ist die Wahrheit.

Prüfe, ob das, was Du mir sagen willst, wahr ist!

Das zweite Sieb ist die Güte.

Prüfe, ob das, was Du mir sagen willst, gut ist!

Das Dritte Sieb ist die Notwendigkeit.

Prüfe, ob das was Du mir sagen willst, notwendig ist!

Wenn das, was Du mir zu sagen hast, nicht durch diese drei Siebe geht, dann behalte es für Dich! Und Schweige!

Wenn Du aber das, was du mir sagen willst, dreimal gesiebt hast, es also wahr, gut, notwendig ist, dann rede!

Das freimaurerische Licht leuchtet nicht um, sondern in den Maurer hinein. Sie fordert ihn in der Aufnahme auf: "Erkenne Dich selbst!" Dieser Verweis auf das eigene Selbst, diese Aufforderung zum Ernstnehmen der eigenen Subjektivität ist so alt wie aktuell.

In einer Passage aus Umberto Ecos Roman Das Foucaultsche Pendel unterscheiden die Protagonisten nur noch zwischen Graden der Unangemessenheit:

"'Also passen Sie auf: In der Welt gibt es die Idioten, die Dämlichen, die Dummen und die Irren.' 'Sonst nichts?' 'Doch, uns zwei zum Beispiel, oder jedenfalls - ohne wen zu beleidigen - mich. Aber letzten Endes, genau besehen, gehört jeder Mensch zu einer von diesen Kategorien. Jeder von uns ist hin und wieder idiotisch, dämlich, dumm oder irre. Sagen wir, normal ist, wer diese Komponenten einigermaßen vernünftig mischt".

Die Dummheit ist nicht nur ein universales Phänomen, sondern impliziert auch ein grundlegendes philosophisches Problem: Sie betrifft das Erkenntnis- und Urteilsvermögen. Kant bestimmt in seiner Kritik der reinen Vernunft die Dummheit als "Mangel an Urteilskraft", als "Gebrechen", dem "gar nicht abzuhelfen" sei. Dies ist vermutlich auch der Grund, weshalb die Dummheit als Unkenntnis von Tatsachen und als mangelhafte Schulung des Geistes die wichtigste Quelle der Komik und des Lächerlichen ist.

Wichtig ist es, sein eigenes Leben zu leben - dabei aber auch immer mal darüber nachzudenken, was eigentlich passiert und dann daraus zu lernen. Und das immer wieder...

Ich muß überhaupt erst einmal lernen, den eigenen Körper angemessen wahrzunehmen. Mein Körper hat zu funktionieren und ich bemerke ihn meistens überhaupt erst, wenn es damit mal nicht so recht klappt, wenn irgendwo was zwickt oder gar aussetzt. Die "normale Funktion" nehme ich gar nicht mehr wahr. Hier bemühe ich mich, umzulernen.

Wahrnehmung ist nichts nur rein Körperliches mehr, sondern berührt das Bewußtsein. Das Psychische und das Körperliche sind eng miteinander verbunden, so daß der Körper über die Psyche beeinflußbar ist (autogenes Training) und daß der Körper psychische Inhalte trägt, ausdrückt, in sich aufbewahrt (Verspannungen, Bluthochdruck...). Wichtig jedoch ist die Möglichkeit des bewußten Umgangs mit sich Selbst.

Schon in diesem eher körperlichen Bereich stoßen wir auf einen Zusammenhang, der uns immer wieder begegnen wird: In uns leben die Moleküle und Zellen und Organe ihr und unser Leben. "Es" wirkt einfach in uns. Unser Handeln beeinflußt es: hemmend oder befördernd und auch lenkend. Lassen wir das alles im Unbewußten dahinfließen oder auch stocken und rütteln, leben wir in Bezug auf uns Selbst unbewußt wie die Tiere. Menschen jedoch haben größere Möglichkeiten. Ihre Bewußtheit kann sich auch auf die tieferen Lebensschichten erstrecken. Das Handeln kann bewußt in das bewußtlose Wirken eingewebt werden.

Schon für das einfache Wahrnehmen ist es wichtig, darüber nachzudenken, was wir eigentlich wie und wann wahrnehmen. Optische Täuschungen sind das einfachste Beispiel dafür, daß schon unsere Sinne nicht einfach wie ein Spiegel alles widergeben. Das "Beobachten" des "Beobachtens" (=Wahrnehmens) ist für die Biologie vor einigen Jahrzehnten entdeckt worden und auch auf das menschliche Wahrnehmen und Denken angewandt worden. Z.B. ergibt sich daraus der Hinweis, daß nur das wahrgenommen oder geistig aufgenommen wird, worauf die Sinnensorgane oder der Geist schon eingestimmt sind. Was wir nicht sehen/wahrnehmen wollen, sehen wir auch nicht! Dadurch ist das Dazulernen, das Standpunktwechseln, das Verstehen von anderen Standpunkten auch so schwer - aber für die bewußt denkenden Menschen auch nicht unmöglich.

Wesentlich dafür ist, den eigenen Denk-Weg auch mal kritisch in Frage stellen zu können. Wenn ich mit allem zufrieden bin, werde ich niemals einen Schritt weitergehen, weiterdenken.

Wir sind diejenigen, die dieser Welt Ordnung beibringen und ihr Eigenschaften geben, die sie hat - und zwar durch unsere Sinne und unsere Vernunft. Damit ist unsere Selbsterkenntnis auch die Erkenntnis unserer Welt, weil wir diese Welt um uns konstruiert haben. Somit ist der "Blick nach innen" automatisch auch "nach außen" gerichtet.

Durch Selbsterkenntnis bilden wir unsere Persönlichkeit, weil alles, was für einen Menschen existiert, unmittelbar in seinem Bewusstsein und nur für dieses geschieht. Und logischerweise ist die Konstitution des Bewusstseins die wichtigste Sache für einen Menschen.

Der "rauhe Stein" ist für "den Maurer Sinnbild seiner selbst", im Ritual des I° und dessen Symbolik wird der Lehrling zur Arbeit an sich selbst aufgerufen. Zentrales Anliegen der Betrachtungen KNIGGEs über den "Umgang mit Menschen" ist zunächst der "Umgang mit sich selber". Die darin zum Ausdruck kommende Selbsterziehung und Selbstachtung wird hier aber ausdrücklich als sozialer Auftrag interpretiert, wodurch die Hinwendung zum Narziß verhindert wird: "Willst Du aber im Umgange mit Dir Trost, Glück und Ruhe finden, so mußt Du ebenso vorsichtig, redlich, fein und gerecht mit Dir selber umgehn wie mit Andern, also daß Du Dich weder durch Mißhandlung erbitterst und niederdrückest noch durch Vernachlässigung zurücksetzest, noch durch Schmeicheley verderbest."

Diese Position läuft also darauf hinaus, in der Selbsterziehung und Selbstwahrnehmung im Gleichklang mit dem Umfeld zu agieren, wobei KNIGGE ausdrücklich auf die Gefahr der Unduldsamkeit gegenüber anderen in der Selbsterziehung aufmerksam macht: "Gewöhnlich erlaubt man sich alles, verzeyt sich alles und Anderen nichts; gibt bey eigenen Fehltritten, wenn man sich auch dafür anerkennt, dem Schicksale oder unwiderstehlichen Trieben die Schuld, ist aber weniger duldend gegen die Verirrungen seiner Brüder."

Damit leitet KNIGGE über zu dem komplexen "Umgang mit Leuten von verschiedenen Gemüthsarten, Tempramenten und Stimmungen des Geistes und des Herzens", einem Bereich, der im wesentlichen den weiteren Fortgang seiner Darstellung bestimmt. "Die Arbeit des Lehrlings (und jedes Maurers) an sich selbst [...] mit dem Meissel der Erkenntnis und dem Hammer des Willens" führt zum "behauenen Stein", der den Gesellen symbolisiert. In diesem Grad steht die soziale Interaktion im Vordergrund, und KNIGGE unterstreicht dabei die Parität des Geschehens:
"In der Freundschaft müssen beyde Theile gleichviel geben und empfangen können. Jedes zu große Übergewicht von einer Seite, alles, was die Gleichung hebt, stört die Freundschaft."

Damit postuliert er als allgemeinen Grundsatz menschlichen Umgangs miteinander das Grundprinzip des Verkehrs der Mitglieder einer Loge untereinander. Auch an diesem Beispiel wird deutlich, wie sehr Logen ein Spiegel der Gesellschaft sind. KNIGGEs Ansprüche an das Individuum korrespondieren eindeutig mit dem "Erkenne Dich selbst!" des Lehrlings, auf das die Integration, die soziale Kommunikation des Gesellen aufbaut. Es bleibt die individuelle Erziehung zu einem Menschen, der innerhalb der Gesellschaft Form zu wahren weiß, nachdem alle anderen Rahmen als brüchig und gegebenenfalls als konfliktträchtig erfahren worden sind.

Verkürzend ließe sich Gottfried BENN zitieren: "Da wir uns der Wahrheit doch nicht nähern, laßt uns wenigstens gute Manieren haben.

Die Welt ist eine Aufforderung, über den nächsten Hügel zu gehen...

(John Barnes)

... und wir gehen immer wieder bis an den Horizont und über den nächsten Hügel. Manchmal aber - erst selten, später drängender - brauchen wir wieder ein Stück Heimatlichkeit, die uns geborgen hält.

Dieses Wechselspiel von Weggehen, Sicherheiten suchen und aufbauen und doch wieder Weitergehen begleitet uns unser ganzes Leben lang und eigentlich in jedem Moment unseres Gehens. Denn jeder Schritt braucht zwei Beine. Eins steht noch im Festen, Gesicherten - während das andere den Schritt in unbekanntes Neuland riskiert.

Der Geselle hat die erlangten Fähigkeiten in die Tat umzusetzen. Indem er lernt, um sich zu schauen, wird er seine Stellung und seine Aufgabe in der Gesellschaft finden. Die bewußte Begegnung mit dem Anderen auf der gleichen Ebene macht ihn empfänglich für die Würde des Mitmenschen.

Er hat zu lernen, sich als ein Baustein unter anderen in das Gefüge des Großen Bauwerkes einer humanitären Gesellschaft einzubringen. Der Geselle besucht andere Bauhütten um an deren Arbeiten teilzunehmen, nach dem Motto: Schau um Dich.

Wandernd wird der Geselle aufmerksam gemacht auf den Wert der Freundschaft, auf die Ehrfurcht vor dem Schönen, auf das Streben nach Wahrheit in Wort und Tat. Denn das Ziel der Maurerei ist kein anderes, als die wahre geistige Würde des Menschen zu erkennen, sie auszubilden und zu kräftigen. Der gute Maurer hütet sich davor, seine innere Ehre durch eigene Handlungen zu verscherzen oder sie anderen gegenüber zu verlieren. Die Menschenwürde ehrt er auch in seinen Lebensgefährten. Denn die eigene Ehre mit Kraft und Besonnenheit zu bewahren und zu verteidigen, heißt auch, die Ehre der Mitmenschen anerkennen und heilig halten.

Entwicklung ist davon gekennzeichnet, daß immer wieder Neues entsteht, das zwei wesentliche Merkmale hat:

1. es überschreitet das Frühere, Alte und

2. es schließt die früheren, alten Zustände mit in sich ein.

  • Wie kann die tief im Menschen verwurzelte Skepsis und die Übergewichtung des materiellen Aspekts
  • im zwischenmenschlichen Miteinander überwunden werden? Wie kann ich hierbei als Freimaurer
  • meinen eigenen Weg finden?

Es gibt auf die Frage der Überwindung der das Gute hemmenden Kräfte eine schwierige Antwort: Erst übergreifende Liebe und der Glaube an den Menschen als einer "Möglichkeit", in der das Gute angelegt ist, ermöglicht erst das Gute. Dies setzt jedoch Vertrauen statt Skepsis voraus, worauf auch der Philosoph Kant mit seinem Kategorischen Imperativ abzielt: "Handle stets so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne!" Damit knüpft Kant bewußt an den Einzelnen an.

Handeln auf dieser Grundlage ist jedoch auch bei größtem Wollen schwierig: So unterscheidet die Ethik zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Für ein gesinnungsethisches Konzept steht die Frage nach dem handlungslenkenden Motiv im Vordergrund. Ein guter Zweck ist nur mit guten Mitteln anzustreben, keineswegs heiligt ein guter Zweck den Einsatz "unheiliger" Mittel. Anders dagegen die Verantwortungsethik. Denn für diese gelten die vom Handeln bewirkten (positiven) Folgen als Maßstab der Bewertung. Hier können "gute" Folgen eine gesinnungsethisch fragwürdige Handlung rechtfertigen (klassisches Beispiel: der Tyrannenmord).

Ich lenke in diesem Zusammenhang die Aufmerksamkeit auf die "Stimme des Gewissens" und meine jene innere Stimme, die aus unserer eigenen Tiefe zu uns spricht. Der Volksmund sagt: "Gehe in dich!" und meint damit, daß jemand - wie mit einem Senkblei - seine inneren Tiefen und Untiefen ausloten möge.

Ganz besonders offenbart sich die Vertikalität (der Wasserwaage) des Gewissens im sozialen Raum: Mit der waagerecht orientierten Vernunft organisiert man Verbundenheiten und ebnet den Weg zu einem Miteinander, das zu größeren Gemeinsamkeiten führen kann. Mit dem Gewissen hingegen tritt man aus kollektiven Zusammenhängen heraus und folgt der individuellen Stimme seines eigenen Gewissens, sei es aus dem Bewußtsein der Verpflichtung, sei es aus dem Gefühl der Verantwortung. Wo immer das an uns geschieht, spüren wir die vertikale Kraft (das Senkblei) des Gewissens, die uns aus Zusammenhängen löst und uns diesen Zusammenhängen gewissenhaft gegenüberstellt.

Eine Welt ohne Vernunft wäre ein inhumanes Tohuwabohu, eine Welt ohne Gewissen bliebe ein bestialisches Chaos.

Die Freimaurerei ist feierliche Aufgabe und harte tägliche Verpflichtung zugleich.
Das Logengeflüster sagt: "Laue Freimaurerei ist ein schrecklich Ding." und das ist wohl wahr.

  • · Darum darf ein Bruder, eine Schwester Fragen stellen,
  • · darum darf ein Bruder, eine Schwester unbequem sein,
  • · darum sind wir nicht immer einer Meinung,
  • · darum ringen wir so oft um den Weg,
  • · darum suchen wir wahrhaftig nach Wahrheit,
  • · darum kommen wir hier immer wieder zusammen.

In einem Aufsatz zum Gedenken an den großen Philosophen umreißt das hanseatische Logenblatt die Kant'sche Freiheitsethik mit folgenden Worten: "Wage es frei zu sein und achte und beschütze die Freiheit aller anderen".

Und das sagte schon Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes außer man tut es!"

Achim Rotermund

bl22

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Last Update  April 11, 2012

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