In den "Alten Pflichten" unter der Überschrift "Von Gott und der Religion” heißt es:
Gleichgültig welchen Beruf der einzelne ausübt, welche politische Partei einem nahe steht oder welcher religiösen Überzeugung man ist - in einer Loge finden Menschen zum unvoreingenommenen
Austausch von Meinungen zusammen. Hierbei steht nicht wie sonst so häufig das Überzeugen des Gegenübers im Vordergrund sondern das Zuhören und Verstehen des Anderen.
Diskurse entfalten eine beträchtliche Eigendynamik und erweisen sich als eine Macht, die “aus puren Worten neue oder veränderte Welten schaffen” kann, oder – mit einer
Beschreibung Michel Foucaults – “Diskurse sind Praktiken, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen”.
Es bedrückt mich, wenn der Freimaurerbund sich überflüssigerweise gleichsam auf Wissens- und Aufklärungsdiät setzt. “Wissensdiät” schadet dem Bund, weil die Ressource der
Vielgestaltigkeit und Komplexität der Freimaurerei, ihres kulturgeschichtlichen und historischen Reichtums nicht genutzt wird und Chancen zum Gespräch mit Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft
verpaßt werden. “Aufklärungsdiät” bremst den Schwung der inneren Auseinandersetzung und beeinträchtigt die Intensität der Diskurse, die zum Thema geführt werden müssen: “Was
ist, was will, was soll die Freimaurerei?” Ein lebendiger Diskurs muß zu einer Freimaurerei beitragen, die nach innen und außen überzeugend und identitätsstiftend wirkt.
Was steht diskursethischen Postulaten in der Freimaurerei im Wege?
Auf drei Arten von Störfaktoren stößt man:
1. Zunächst leiden Diskurse in starkem Maße unter persönlichen Befindlichkeiten (Frustrationen, Mißverständnissen, Streitlust, Abwesenheit
postulierter freimaurerischer Tugenden, problematischem intellektuellen Niveau).
2. Weiter wirken sich die hierarchischen Strukturen und die unterschiedliche Diskursautorität sowie die damit verbundenen Versuchungen negativ auf die Sprechsituation aus: Auf der einen Seite wird nicht auf Diskurs sondern auf Dekret gesetzt, auf der anderen Seite wird Zurückhaltung geübt und Vorsicht praktiziert, ohne daß diese Schieflagen der Sprechsituation hinreichend thematisiert und reflektiert werden.
3. Schließlich gibt es gleichsam schon institutionell gewordene internationale Rücksichten
(Regularitätsfrage, Genderdiskurs, Verhältnis von Männer- und Frauenlogen) sowie interne Harmoniegebote, andererseits mit dem partiell und
periodisch immer wieder einmal prekären Verhältnis zwischen “blauen” Logen und Hochgradsystemen zusammenhängen. Die genannten Rücksichten und Harmoniegebote begrenzen nicht nur die
Spielräume der Diskurse, sondern machen auch eine behutsame, gleichsam wattierte Sprache erforderlich, die dem Bemühen um Aufklärung abträglich ist. Letztlich mischen sich bei all diesen Fragen
Identitätsunsicherheiten, Legitimitätsängste und fehlende Gelassenheit.
Br. Rüdiger Oppers schrieb in einem Beitrag zur Zeitschrift “Humanität”, nach dem er die Teilnahme des Großmeisters an Sabine Christiansens Politik-Runde befürwortet hatte:
“Wir müssen acht geben, dass wir es uns nicht in der schönen Welt des geistigen Tempelbaus bequem machen. Wir würden ja lediglich in einer Scheinwelt leben. Im Tempel entsteht der Bauriß
einer gerechten Gesellschaft. Im Logenleben wird dieser Plan in Diskussionen, sogar in Bruderzwisten erprobt.” - -
In 80 Tagen um die Welt zu reisen, galt noch vor 100 Jahren als nahezu unmöglich. Heute brauchen wir noch nicht einmal zu reisen, um mit dem Menschen in Australien, in Chile, in Rußland, in Indien
und in Südafrika zu kommunizieren. Die Welt ist kleiner geworden und wir diskutieren innerhalb der deutschen und internationalen Freimaurerei über Kleinstaaterei, die einen an die Strukturen von
Herzogtümern erinnern.
Seien wir uns bewußt, daß die uns aus dem überseeischen Ausland besuchenden Brüder um so regulärer sind, je weiter entfernt ihre Heimatloge ist. So behandeln wir jedenfalls in der Praxis die
fernreisenden Brüder, wenn sie an der Pforte anklopfen. Kommt jedoch der Bürgermeister einer französischen Partnerstadt nach Deutschland und möchte als Bruder an einer Tempelarbeit teilnehmen,
wird zunächst über Fragen der Anerkennung oder Regularität diskutiert und damit die brüderliche Verbundenheit mit Füßen getreten. Wo bleibt da die Glaubwürdigkeit gegenüber Interessenten,
gegenüber Suchenden, gegenüber unseren Lehrlingen und Gesellen. Und dann erfolgt der brüderliche Hinweis: Du kannst jetzt alle Logen der Welt besuchen (mit Ausnahme von 1., 2., 3. ........... ),
und solltest Du die Logen 1., 2., 3. .............. besuchen, so denke bitte daran, daß Du auf die Befindlichkeiten der Großlogen 1., 2., 3. ............. zu achten hast.
Ist es nicht zutiefst unfreimaurerisch, dem Mitbruder einer anderen Oboedienz zu unterstellen, daß er kein “Sohn der Witwe”, daß er kein “Sohn des Lichts” ist? Die
Freimaurerei ist universell und bleibt es hoffentlich. Dafür steht übrigens auch eine Organisation wie die Universelle Freimaurer Liga, der sich auch vor der dunklen Zeit Brüder verbunden wußten,
die zu ihrer Zeit als irreguläre Freimaurer diffamiert wurden (von Ossietzky, Tucholsky, Müffelmann u.a.).
Ich vertrete die Meinung, daß nur jene Logen und Großlogen wirkliche existenzielle Probleme haben oder haben werden, die in ihrer inneren Stärke und im Verhältnis zu ihrer äußeren Darstellung
Glaubwürdigkeitsprobleme haben.
Zunächst wollen wir als Freimaurer feststellen, daß wir uns in einer der wichtigen Entscheidungen unseres Lebens nicht irren konnten. Wir sind Freimaurer geworden, weil wir auf der Suche waren und
diese Suche kann nicht falsch sein. Wir Freimaurer sind Lichtträger, und wenn wir das Licht einmal mit Erkenntnis übersetzen, dann erkennen wir vielleicht auch ein Stück der Tugenden, die wir im
Sinne der Glaubwürdigkeit vertreten müssen.
Die Freimaurerei ist die einzige aus langer Tradition hervorgegangene Institution, die sich in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und frei von Dogmen und fragwürdigen Heilsversprechungen
einem Tugendverfall als Kraft entgegensetzen kann. Sie bietet eine Lebenseinstellung, die den Idealen einer menschlichen, der Humanität verpflichtet ist - also eine Schule der Tugenden sein kann.
Diese Tugenden sind die Alten Landmarken.
Es gibt viele Möglichkeiten attraktiv zu sein. Eine der Glaubwürdigsten ist die Glaubwürdigkeit.
Überdenken wir hierbei folgende Anregungen: Pflege der brüderlichen Kontakte zu allen Freimaurern auf dieser Welt, gleich welcher Oboedienz. Wenn wir bereit sind, Tempelarbeiten auf der Ebene der
Großlogenzuständigkeiten zu belassen und uns als Brüder national und international dogmenfrei begegnen, werden wir in 25 oder 30 Jahren auch die Großlogenlandschaft verändert haben. Inzwischen
nehmen wir die Funktionsträger der Großlogen an die Hand und führen sie – wo es noch erforderlich ist – liebevoll in eine tolerantere und verbindende Welt, auch von Brüdern. Wir
brauchen innerhalb der deutschen Freimaurerei eine Bündelung der Kräfte. Unterstellen wir doch bitte jedem engagierten Bruder, daß sein Engagement von Idealen getragen ist, auch wenn er zufällig
einer anderen Lehrart angehört. Aus meiner Sicht ist es für einen Bruder weniger interessant, daß sich Würdenträger von Großlogen in aller Herren Länder treffen, ohne daß er für sich einen Nutzen
daraus erfährt.
Veranstaltungen und Symposien, die sich Fragen der Entwicklung der Zivilisation und der Gesellschaft auf allen Ebenen annehmen, sind wichtig. Man kann sich nicht einerseits in den Tempel
zurückziehen, Zustände beklagen und über Veränderungen reden - und später jede Stellungnahme vermeiden. Das hatten wir schon einmal in den 20er Jahren. Wir können nicht behaupten, daß wir mit
Politik und Religion nichts zu tun haben wollen und sind andererseits umgeben von einer Welt, die nach Gerechtigkeit ruft. Wir können nicht einerseits in den verschiedenen Graden oder Hochgraden
der Freimaurerei über Tugenden sprechen, gleichsam eine Tugendschule sein und andererseits gesellschaftliche Entwicklungen teilnahmslos verfolgen.
Wir brauchen schließlich ein höheres geistiges Niveau in vielen Logen. Es ist auch nicht die Aufgabe einer lebendigen Loge, sich ständig über Finanzfragen zu unterhalten und vereinsrechtliche
Dinge zu diskutieren, die maximal in einen Beamtenrat gehören. Wir brauchen nicht ständig im eigenen Saft der 100. Zeichnung über den Rauhen Stein schmoren. Wir müssen in unseren Logen
anspruchsvoll arbeiten. Wir müssen durch unser von hehren Zielen bestimmtes Handeln überzeugen und nicht durch die schlechte Zeichnung über Mozart, Goethe, Herder u.a. abschrecken.
Und wenn wir uns strebend bemühen, das alles zu erreichen, sollten wir unseren Sinn für Humor nicht auf der Strecke gelassen haben und uns selbst nicht zu wichtig nehmen.
Im Grunde ist es auch das Benutzen des gesunden Menschenverstandes. Dies bringt mich auf Common Sense. Es war der Titel eines Pamphlets, das Thomas Paine am 10. Januar 1776
veröffentlichte.
Auf Einladung Präsident Jefferson kam Paine 1802 nach Amerika zurück. Er wurde Mitherausgeber des Pennsylvanian Magazine, in dem er unter anderem im März 1775 eine Abhandlung gegen die Sklaverei (African slavery in America)
veröffentlichte. Sein Aufsatz hatte unmittelbare praktische Folgen: Einen Monat nach seinem Erscheinen wurde in Philadelphia die erste Gesellschaft Amerikas zur Abschaffung der Sklaverei
gegründet.
Was haben wir erreicht und was wollen wir noch bewirken?