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PFLICHT

Rabindrnath Tagore, indischer Dichter und Philosoph, schrieb:

“Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude.
Ich erwachte und sah: Das Leben war Pflicht
Ich handelte und sah: Die Pflicht ward zur Freude.”


Das wäre es. - Bei Licht betrachtet ist in diesem Vers alles enthalten, was zu sagen notwendig ist.

Aber vielleicht noch dies:

· “Pflicht = Das, was wir von anderen erwarten.” Oscar Wilde

·  “Unsere Pflichten, das sind die Rechte anderer auf uns.” Friedrich Nietzsche

· “Es gibt jetzt der Vorschriften, was man sein soll, so mancherlei Arten, dass es kein Wunder wäre, wenn die Menge auf den Gedanken geriete, zu bleiben, was sie ist.”  Lichtenberg

Streit gab es zwischen Friedrich Schiller und Immanuel Kant. Schiller warf  Kant vor, er würde verlangen, dass man etwas nur aus Pflicht, aber ohne Neigung tun solle. Bekannt ist das Gedicht Schillers:“Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu ich es leider aus Neigung, und so wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin”. Schiller bezieht sich hier auf Aristoteles, daß niemand wahrhaft tugendhaft sein kann, wenn er an sittlich guten Handlungen keine Freude hat. Kant gibt zwar zu, dass die Pflicht auch mit Freude getan sein soll, aber nach ihm darf bloß die Pflicht, nicht aber die Freude Triebfeder der Handlung sein, denn die Affekte sind nach Kant ein naturkausaler Vorgang; von ihnen motiviert zu sein, also von Lust-Unlust-Motiven,wäre etwas Heteronomes (fremdgesetzlich; von fremden Gesetzen abhängig).

Es bleibt aber die Frage, inwieweit wir unsere Affekte, Neigungen und Leidenschaften nicht auch bilden müssen, ob deren Gestaltung nicht auch unserer Freiheit aufgegeben ist. Es liegt an uns, ob wir etwas Pflicht- und Vernunftmäßiges gerne tun oder nicht. Auf dieser Grundlage hat sich die Reflexion über die Tugenden entwickelt: jedenfalls sollen die ethischen Tugenden uns zum guten Handeln qualifizieren. Anzenbacher formuliert: “Eine ethische Tugend ist dann erworben, wenn die sinnlichen Neigungen im betreffenden Praxisfeld vernunftgemäß gestaltet sind, so dass das Gute leicht, gerne und mit Freude getan wird. Der Erwerb der Tugend erfolgt durch praktische Gewöhnung, also durch Einübung” Dies klingt nach maurerischer Einübungsethik. (Hier Hinweis auf das neue Buch [Januar 2006] der Quatuor Coronati mit dem entsprechenden Titel)

Kant, so liest man seine späten Schriften, war nicht naiv, einfach an das Gute im Menschen zu glauben. Sicher, seine Ausführungen etwa in der Metaphysik der Sitten lassen ihn geradezu als "preußischen Sittenwächter" erscheinen – zu viel ist da von Pflicht die Rede, zu wenig davon, worauf sich menschliches Verhalten und Handeln gründen.

Bemerkenswert ist beispielsweise Kants Feststellungen: "Die Menschen sind insgesamt, je zivilisierter, desto mehr Schauspieler: sie nehmen den Schein der Zuneigung, der Achtung vor anderen, der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an, ohne irgend jemand dadurch zu betrügen; weil ein jeder andere, daß es hiemit eben nicht herzlich gemeint sei, dabei einverständigt ist, und es ist auch sehr gut, daß es so in der Welt zugeht". Kant schien also genau gewußt zu haben, daß für jedes Zusammenleben von Menschen einige Regeln gelten, die mit Moral im abstrakten Sinn nichts zu tun haben, sondern sozusagen aus der Automatik des sozialen Lebens, also des Miteinander, folgen.

Feuerbach erkennt nun hinter dem Handeln der Individuen einen gegebenen Charakter, der vor allem darin besteht, daß jeder Mensch nach seinem eigenen Glücke strebe. Damit stellt sich die Frage nach der Stellung des Egoismus in der Ethik. So schreibt er im Jahr 1862 an Bolin: "Trotz Schopenhauer ist Glückseligkeit der letzte Zweck und Sinn alles menschlichen Thuns und Denkens." Jene idealistische Pflicht, unter der allein Kant und Schopenhauer ethisches Handeln gelten lassen wollten, holt Feuerbach ins Reich des alltäglichen Lebens zurück, indem er als moralische Pflicht definiert, die auf  eigene Glückseligkeit zielende Selbstliebe der anderen anzuerkennen. "Ich will, heißt, ich will nicht leiden, ich will glücklich sein."

In notwendiger Folge dieser Akzeption der Sinnlichkeit gewinnen die "Glückseligkeit" des Individuums und seine "Neigungen" bei Feuerbach eine zunehmende Bedeutung und geraten zum Kantschen rigoristisch-ethischen Pflichtbegriff in Widerspruch: "Wenn ich daher ohne alle Neigung, bloß aus Pflicht handle, so handle ich eigentlich als Affe..." (nämlich fremdkonditioniert und ohne innere eigene Zustimmung, wie wir heute sagen würden).

Dies ist der alte Konflikt zwischen Verlangen nach eigenem Glück und Pflicht, wobei die Pflicht als Wahrnehmung der gemeinschaftlichen Interessen verstanden wird. Es entsteht eben dann die Frage: wie weit ist es ethisch vertretbar, daß die Gemeinschaft ein Individuum für altruistische Zwecke veranlaßt, seine unmittelbar persönlichen Interessen zu vernachlässigen!

Ein Einwand: Reziproker Altruismus beschreibt, vereinfacht ausgedrückt, die Wandlung egoistischer Verhaltensweisen in altruistische Handlungen. Man könnte dafür folgenden Leitsatz formulieren: “Ich helfe anderen, damit auch mir geholfen wird.”

Ein schönes Beispiel ist der Radsport: In sogenannten Ausreißergruppen, die sich vom Hauptfeld abgesetzt haben, möchte jeder einzelne Rennfahrer gewinnen. Aber um siegen zu können, muss er seine Kraft für den Endspurt sparen. Dies gelingt ihm nur, indem er im Windschatten seiner Konkurrenten fährt. Folglich besteht die Gefahr, dass in der Ausreißergruppe keine Führungsarbeit geleistet wird. Damit die Gruppe überhaupt eine Chance hat, vor dem Feld ins Ziel zu kommen, müssen sich die Fahrer abwechseln. Die kräftezehrende Arbeit an der Spitze nimmt jeder Fahrer auf sich, weil er davon ausgeht, dass auch die anderen Fahrer kurze Zeit später das für ihn machen werden.

Der Stoiker Seneca schrieb in einem seiner Briefe an Lucilius:

“An erster Stelle steht nämlich das Urteil, was jedes Ding wert ist, an zweiter, dass du dem Verlangen danach Ordnung und Maß gibst, und an dritter, die Übereinstimmung von Trieb und Handlung. Was immer von diesen dreien fehlt, beeinträchtigt auch das Übrige. Denn was nützt es, wenn du alles richtig beurteilst, in deinem Verlangen aber zu heftig bist? Was hilft es, den Trieb zu unterdrücken und die Begierden unter Kontrolle zu halten, wen du bei deinem Handeln den richtigen Zeitpunkt verpasst und nicht weisst, wann, wo und wie etwas getan werden muss?”

Hier ist der Mensch ist ein kosmopolitisches, auf die ganze menschliche Gemeinschaft hin angelegtes Wesen. Da der Mensch von Natur aus als ein soziales Wesen konzipiert ist, begrenzt sich die Hingeneigtheit nicht auf das einzelne Individuum selbst. Vielmehr erkennt der Mensch im Anderen das ihm Verwandte und Vertraute. Cicero erläutert die Position der Stoa als gemeinschaftsbildende und -erhaltende soziale Sympathie.

“Die richtige Vorentscheidung ist die, sich um die eigenen Dinge zu kümmern, also um die, über die man die Macht hat; das ist die sittliche Grundentscheidung, die jeder Mensch zu treffen hat.” sagt Epiktet. Anders als bei den Epikuräern bedeutet sich um die eigenen Dinge zu kümmern nicht, sich vom öffentlichen Leben fern zu halten. Der Grieche ist ein Mensch der Gesellschaft. Gesellschaftspolitik gehört also zu seinen "eigenen Dingen". Er steht immer im Dialog mit seinem Nächsten, mit einem DU.

Seneca meint kurz und prägnant: “Willst du geliebt werden, so liebe!”

Was hat das alles mit der Freimaurerei zu tun?

Die Lebenskunst der Freimaurer ist ein ethisches Konzept, um den Menschen auf den Weg zur Selbstvervollkommnung zu führen. Diese "Einübungsethik" kommt ohne Dogmen, Vorschriften und Gebote aus, spricht allerdings häufig über Pflichten.

Man kann die Freimaurerei als lebenspraktische Philosophie bezeichnen, denn sie ist keine Wissenschaftliche Methode, sondern ein Formungsversuch, ein Selbstgestaltungsversuch, eine Lebenskunst.

Die Schweizer Großloge "Alpina" erklärt:

Der Zweck des Freimaurerbundes ist die Erziehung seiner Mitglieder zum wahren Menschentum. Die Mittel hierzu sind ...(u.a.)... die Pflege des Idealen und Anregung zu wahrer Freundschaft und Bruderliebe.

Es wäre schön, wenn Brüderlichkeit unter allen Menschen geübt würde. Dass es aber nicht so ist, zeigt die tägliche Erfahrung. Gerade darum muss die Freimaurerei das Gelöbnis der Brüderlichkeit von ihren Mitgliedern verlangen. Es soll wenigstens in der Bruderkette Brüderlichkeit geübt werden. Nach freimaurerischer Vision gehört dies unabdingbar zur Menschenwürde. Das ist ein hoher Anspruch. Denn Brüderlichkeit ist mehr als Nächstenliebe. Sie ist verbindlicher. Jeder steht seinem Bruder näher als seinem Nächsten. Brüderlichkeit ist für den Freimaurer konstitutiv und begründet einen Ort der wahren Menschenwürde.

Der Freimaurer, der ohne Verbindung zu seinen Brüdern seinen rauhen Stein bearbeitet sollte nur durch schwierigste äußere Umstände dazu gezwungen werden können. Denn alleine kann er arbeiten, aber alleine kann er nicht am Tempel der Brüderlichkeit arbeiten. Ohne seine Brüder ist er Nichts – vor allem kein Freimaurer!

Wieso hebe ich auf die Bruderliebe ab? Weil von hier der Impuls kommt. Aldous Huxley bemerkt: “Das ist das Geheimnis des Glücks und der Tugend: zu lieben, was man verpflichtet ist zu tun.”

Mitgefühl ist die einzigartige Eigenschaft des Herzens, die die Macht hat, Ärger und Ressentiments in Vergebung zu verwandeln, Hass in Freundlichkeit, Wut in Herzensgüte. Diese kostbarste aller Eigenschaften unseres Wesens erlaubt uns, unserer Umgebung wie uns selbst mit Wärme, Empfindsamkeit und Offenheit zu begegnen, anstatt uns mit Vorurteilen, Feindseligkeit und Widerstand zu belasten. Mitgefühl verwandelt Pflicht in Bruder- und Nächstenliebe.

Karl Jaspers meint: “Es kommt darauf an, daß das philosophische Denken ein unbedingtes Handeln wird. Unbedingt auch im Irren und Versagen.” Bedingunglos – ohne Bedingungen an das Denken zu stellen, also frei in alle Richtungen denken und zu handeln, ist das eigentliche Wesen der “FREI”maurerei.

In einem Brief über den Humanismus schreibt Heidegger: “Das Wesen des Handelns sei nicht das Bewirken, sondern das Vollbringen. Vollbringen heiße: etwas entfalten in der Fülle seines Wesens.

Nietzsche schreibt: “Das Leben – ein Mittel der Erkenntnis. Mit diesem Grundsatz im Herzen kann man nicht nur tapfer sondern sogar fröhlich leben.”

Prinz Asfa-Wossen Asserate schreibt in seinem Buch “Manieren”:

“Um ein Beispiel zu geben, das aus bescheidenster Späre stammt und vielleicht geeignet ist, diese möglicherweise allzu erhaben klingende Maximen auf den Boden des Alltäglichen zu stellen: Ein Mann hat die Pflicht, vor einer Frau aufzustehen, aber eine Frau hat nicht das Recht, die Einhaltung dieser Pflicht zu fordern. Wer als Mann vor einer Frau nicht aufsteht, tut sich selbst den größten Schaden an; er deklassiert sich in seiner Humanität, oder um es mit den Worten des Erzengel Raphael im Buch Tobias zu sagen: “Wer das Unrechte tut, ist ein Feind seiner eigenen Seele.””

Zum Schluß, liebe Brüder, wenn wir über Pflichten reden, dann täte es gut, auf sich selbst zu sehen. So heißt die Antwort im Ritual auf die Frage des Meisters vom Stuhl: “Wir haben uns bemüht.” und nicht: “Wir haben den anderen (den Brüdern) bei ihren Bemühungen zugeschaut.” Und in diesem Bemühen steckt auch, die Pflicht vom Zwang zu befreien, es allen Recht zu machen.

Kungfutses Gepräche schildern folgendes: Der Meister sprach: “Der Edle stellt Anforderungen an sich selbst, der Gemeine stellt Anforderungen an die (anderen) Menschen.”

Achim Rotermund / Freiburg i.Brsg.

     

bl22

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Last Update  April 11, 2012

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