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Sind wir Weltverbesserer?

Die erste Frage wäre: wie sieht die Welt aus?
Die zweite Frage: muß etwas, wenn ja, was verbessert werden?

Tendenzen innerhalb der modernen abendländischen Gesellschaft verleiten pessimistische Kritiker gern zu dem Schluß, daß offenbar das "Mittelalter" noch längst nicht überwunden sei: Rassenwahn, Nationalismus und politischer Extremismus, Gewalt, Verunsicherung, Krieg sind noch immer in den Medien präsent. Das Individuum vereinsamt in einer anonymen Massengesellschaft, Kultur und Wissen werden angesichts geistiger Verflachung in vielen Medienbereichen immer fragwürdiger. Menschlichkeit und Freiheit scheinen zu bedeutungslosen Worthülsen zu verkommen, für die persönlicher Kampf kaum noch lohnt.
Es scheint Zeit zu sein für eine neue Aufklärung: hier sehen die Freimaurerlogen der Gegenwart ihr Betätigungsfeld. "Echte Freundschaften zu stiften unter Menschen, die sich einander sonst fremd geblieben wären" - diese Aufgabe betrachten die Logen heute vordringlicher denn je. Vor dem Hintergrund enormer gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen und der damit verbundenen Infragestellung vieler überkommener Werte versuchen die Freimaurer, "vergangene Hoffnungen der Menschen" auf Humanität, Toleranz, Kultur und Harmonie" "einzulösen" (Adorno/Horkheimer)

Die Politik ist aus der Loge nicht mehr fern zu halten, wenn es ureigenste menschliche Situationen betrifft: Klonen, Genetik, Sterbehilfe, Abtreibung, Verelendung, Krieg, Terror.
Diese kurze Aufzählung mag genügen. Diese Dinge werden von der Politik gemanagt, besetzt oder erzeugt. Dazu hat sich auch die Freimaurerei zu äußern, sie sollte sich damit befassen. Das Mandat dazu gibt ihr die Würde des Menschen. Die Menschenwürde darf von der Freimaurerei nicht ausgeklammert werden. Mangelnde Sach- oder Fachkompetenz lässt sich durch Erlernen beseitigen. Das Gebiet der Humanität ist nicht nur den anderen karitativen Organisationen zu überlassen.

Im Verlaufe des Stöberns zwischen Außen und Innen geriet ich an Horaz und Epikur. Horaz dachte nicht groß von den Politikern. Immer wieder teilte er die nichtigen Bestrebungen der Menschen, älterer Tradition folgend, in zwei Kategorien ein, Habsucht und Ehrgeiz. Die Politiker waren ihm Vertreter des zweiten Lasters - daran ließ er keinen Zweifel.

«Befreien muss man sich aus dem Gefängnis der Alltagsgeschäfte und der Politik.»

Der jüngere Horaz zog sich auf sich selbst zurück. Herders Urteil aus dem 51. der Briefe zu Beförderung der Humanität ist geeignet zu zeigen, warum uns Horaz auch und gerade heute anzusprechen vermag: "Vor andern scheinen mir die Moralisten wünschenswert, die uns mit uns selbst in ernste Unterhandlung zu bringen vermögen und uns auf eine scherzende Weise durchgreifende Wahrheit sagen. Ich lasse der Akademie und Stoa ihren heiligen Wert; Plato und Mark Aurel nebst ihren Genossen werden dem Menschen, dem seine Bildung Ernst ist, immer und immer Schutzgeister, Führer, warnende Freunde bleiben; wenn aber z.B. Horaz auf eine ernsthaftscherzende Weise sich selbst zum Gegenstande der Moral macht, wenn er an sich und an seine Freunde im Ton der Vertraulichkeit mit leichter Hand das schärfste Richtmaß leget und die Heuchelei, den Aberglauben, den Sittenstolz, den Wahn und Dünkel von uns lieber fortlächelt als fortgeißelt, wenn er an sich und andern zeigt, daß man nicht im Äther hoher Maximen schweben, sondern auf der Erde bleiben und täglich in Kleinigkeiten auf seiner Hut sein müsse, um nicht mit der Zeit ein Unmensch zu werden.“

«Von dem, was die Weisheit für die Glückseligkeit des gesamten Lebens bereitstellt, ist das weitaus Grösste der Erwerb der Freundschaft.»

«Der edle Mensch kümmert sich am meisten um Weisheit und Freundschaft. Von ihnen ist die erstgennante ein sterbliches Gurt, die letztgenannte ein unsterbliches.»

Cicero sah die humanitas in der harmonischen und ästhetischen Entfaltung der den Menschen auszeichnenden Gaben der Vernunft und des Gemütes, gepaart mit Milde und Weitherzigkeit, Harmonie der Persönlichkeit. Alle geistigen Kräfte des Menschen sind gefordert im Kampf gegen Gedankenlosigkeit und faule Unentschlossenheit. Es geht um das ehrliche Ringen mit sich selbst, die Verbesserung eigener Fehler und Schwächen, die Verbindung von Mensch zu Mensch, das glückliche Leben. Und diesem redet Horaz mit seinem weitgerichteten, restlos kaum übersetzbaren Anruf das Wort: sapere aude - Wage es, weise zu sein!

So wird sein Leitsatz sapere aude bei Immanuel Kant zum Programm der Aufklärung: Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.Wage es, weise zu sein! besagt in unübertrefflicher Kürze, daß man sapiens, klug und weise, nur durch eigenes Handeln werden kann. Und wie bei jedem anderen schweren Werk kommt es entscheidend auf den ersten Schritt an. Incipe - Wage den Anfang!


Auch zu Epikurs Zeit wurde die Welt infolge politischer und sozialer Veränderungen als schwer überschaubar und als beängstigend empfunden. Die Tendenz zur Weltkultur ging einher mit der Suche nach kleiner Form, Globalisierung (damaligen Zuschnitts) wurde beantwortet mit Individualismus und Suche nach Orientierung. Just dies bot Epikurs '"Fachwissenschaft von richtiger Lebensführung" (ars vitae) an: Hilfe zur Selbsthilfe, Methode und Materia1 für den Erwerb einer Disposition, die falsche Einstellungen zu korrigieren und richtige Grundhaltung zu kultivieren erlaubt. Nicht bloße Kenntnis philosophischer Lehre und nicht philosophischer Diskurs zeichnen den epikureischen Philosophen aus, sondern die Fähigkeit, die gelernte Dogmatik in jeder möglichen Situation zur Maxime praktischen Handelns werden zu lassen.

Ziel ist für die Epikureer das größtmögliche Glück einer größtmöglichen Zahl. Dann, so lautet die Hoffnung, ist man auf dem Weg zu einer idealen Gesellschaft: Soziales Leben ohne Gesetze, ja ohne Staat, auf der Grundlage wohlverstandenen Eigennutzens wird nicht nur Epikur, sondern allen Menschen ein Leben wie ein Gott auf Erden erlauben. Epikurs vielzitierte Aufforderung zu politischer Abstinenz - "lebe im Verborgenen" -, die von ihm propagierte Pflege des Selbst, die utilitaristische Grundlage seiner Philosophie sollten nicht über den philanthropischen Charakter der Lehre hinwegtäuschen. Es scheint paradox: Epikurs utilitaristische (Nützlichkeitsdenken) Lehre fordert Hinwendung zum Mitmenschen und fördert gesellschaftliche Entwicklung.

Dies ist jedoch keine Kuschelecke für moderne Weltflucht. Sein Angebot, mit der Welt einen Pakt zu schließen, sich als Teil von ihr zu begreifen und dem Leben dadurch Sinn zu geben, macht die Lehre attraktiv. Schon damals kam sie der Suche nach neuen Formen der Lebensführung offenbar entgegen. Noch Dante wußte trotz vehementer Ablehnung seiner Grundthesen freundliches über Epikur als Lehrer einer Kunst der Lebenspraxis zu sagen, und Raffael scheute sich nicht, Epikur zusammen mit den anderen bedeutenden philosophischen Schulen der Antike unter diesem Aspekt an den Wänden des Vatikans zu verewigen.
Die Erkenntnis, daß der Bereich unserer Möglichkeiten begrenzt ist, daß wir lernen müssen, uns in der Welt einzurichten, die Beobachtung, daß sich infolge der Computerisierung eine sachbezogene Weltsicht mehr und mehr zu einer objektbezogenen Weltsicht wandelt und der Mensch zum Hauptzweck seines Tuns wird, bedingen, daß Fragen praktischer Lebenskunst an Bedeutung gewinnen. Was andere ängstigt: Zufälligkeit und Einmaligkeit des eigenen Lebens, Komplexität der Welt, neue Technologien und fremdartige Situationen - das sind für Epikur Herausforderungen, denen man sich stellen muß und mit seiner Hilfe auch stellen kann. Resultat ist eine Lebenshaltung, die sich in jener heiteren Gelassenheit den Dingen gegenüber äußert. Du musst lachen und philosophieren, das fordert Epikur. Beides gehört zu seinem therapeutischen Konzept. Denn Lachen ist gesund.

Die Freimaurerei nun ist ein Kind der Aufklärung und versucht, dem Menschen mit Hilfe der Vernunft zum "Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit' (Immanuel Kant) zu verhelfen. Die Aufklärung versucht, den Erkenntnisprozeß zu befreien: von überkommenen Vorurteilen, Traditionen, Konventionen, Dogmen, Institutionen usw. Die bürgerliche Gesellschaft tritt in den Vordergrund. Die Naturwissenschaft tritt ihren Siegeszug an. Die Unabhängigkeitserklärung der USA und die Ideale der französischen Revolution sind von dem Gedanken der Aufklärung bestimmt. Noch heute streben wir nach "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit". Die Freimaurer haben viel zur Verbreitung der positiven Ideen der Aufklärung beigetragen.

„Ich habe immer wieder hören müssen, das Ziel und der wahre Endzweck der Freimaurerei seien Toleranz und Humanität. Ich betrachte diese Eigenschaften als notwendiges und selbstverständliches Nebenprodukt eines richtig gegangenen freimaurerischen Weges. Das Ziel selbst ist die innere Wandlung des Menschen, das Wiederauffinden des verlorenen Logos und das Erlebnis der Einbettung in das schattenlose Licht.“ (Ludwig von Pölnitz 1925 - 1982)

Die Freimaurerei ist eine Lebenshaltung, die zur Lebenshilfe wird, weil sie Anspruchsdenken und Machtstreben verurteilt. Sie fördert aber den natürlichen Kreislauf des Gebens und Nehmens und trägt damit zur Humanisierung der menschlichen Gemeinschaft und zur Persönlichkeitsbildung des einzelnen Menschen bei.

So ist's mit aller Bindung auch beschaffen:
Vergebens werden ungebundne Geister
Nach der Vollendung reiner Höhe streben.
Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Johann Wolfgang von Goethe

Friedrich Nietzsche hat recht: "Ein Gärtchen, Feigen, kleiner Käse und dazu drei oder vier gute Freunde - das war die Üppigkeit Epikurs". Epikur selbst schon hatte darauf bestanden: "Nicht Trinkgelage und Festumzüge, nicht der Genuß von Knaben und Mädchen, von Fischen und allem, was ein aufwendiger Tisch bietet, erzeugt das lustvolle Leben, sondern nüchterner Verstand".

Epikurs Weg zum Glück führt nicht über sinnlose Maximierung von Lust, sondern bedient sich der Vernunft und orientiert sich an Maß und Grenze. Epikur verlangt Askese, meint damit aber nicht radikalen Verzicht, sondern kluges Abwägen. Epikur also als Vertreter einer Lebensart: Dies trifft in der Tat eine Grundintention seiner Lehre. Askese als Übung im Reduzieren der Bedürfnisse und als kalkuliertes Tauschgeschäft: Verzicht ist geboten, wenn negative Folgen den Lustgewinn schmälern. Auch des Guten kann es zuviel geben. Epikur als Philosoph des Maßes, der einem Leben ohne Grenzen Grenzen setzen will - dies paßt zu neueren Entwicklungen. Was vor einiger Zeit noch verpönt war, wird zunehmend als Erkenntnis ernst genommen: Freiheit muß nicht grenzenlos sein.

Moderne Hedonisten sollten sich von Epikur belehren lassen: Skeptische Distanz zu den Bedürfnissen, die sich aus Werbung, Mode und Prestige speisen - eine aufgeklärte Lebenshaltung eben - sie bedingt den Genuss. Grenze, Maß und Reduktion sind Konditionen jener Seelenruhe, die Epikur vorlebte. Der Name Epikurs steht also nicht für den "Lebenskünstler", sondern für den Lehrer einer Lebenskunst, die reflektierte Lust mit aufgeklärter Kenntnis der Welt zu verbinden weiß.

Dieser Akt der Selbstreflexion als Übersetzung ist genau das, was die Emanzipation hervorbringt – die rationale Wiederaneignung des eigenen entfremdeten Selbst.

Habermas folgend gefährden die Massenmedien die aufklärerischen Werte der Vernunft und Selbstbestimmung, da sie aufgrund ihrer einseitigen Senderfunktion und Partikularinteressen dem Einzelnen keine Möglichkeit bieten, sich an der Produktion der öffentlichen Kommunikation zu beteiligen. Somit entmündigen die Massenmedien ihr Publikum und verhindern das Entstehen einer diskursiven Öffentlichkeit.

Eine Veränderung des Status quo muss deshalb laut Habermas außerhalb der institutionalisierten Kommunikation angestoßen werden. Wenn nun von der Peripherie Missstände bzw. bislang unveröffentlichte Informationen und Zusammenhänge aufgedeckt werden, müssen diese privaten Kommunikateure die Aufmerksamkeit der etablierten Medien gewinnen. Erst dann wird ein öffentlicher Diskurs und somit ein Wandel der Öffentlichkeit selbst möglich.

A.R.

bl22

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Last Update  April 11, 2012

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